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Stadtstreicher, 04.2009,
Hühnersuppe aus der Spraydose

 
Die Zwickauer Firma REIMA AIR CONCEPT beweist weltweit einen guten Riecher und stellt seit über zehn Jahren Produkte für Raumbeduftungen, Autopflege und Möbelreinigung her. Hierzulande wird aber nur ein Fünftel der Produkte abgesetzt, die große Mehrheit der Lieferungen geht nach Asien und in die ehemaligen Sowjetrepubliken. Grund genug einmal nachzufragen, warum die Deutschen so riechfaul sind und welche olfaktorischen Reize sie sich damit entgehen lassen.
 
Ein bisschen Limette, Apfel, Kaffee und eine Prise Hühnersuppe - sobald man das Haus betritt, in dein die Duftkreateure der Firma REIMA Air Concept sitzen, wird die Nase schon beansprucht. Die Büroräume sehen aus wie überall, nur die vielen Teststreifen, die man sonst nur aus den Parfümerien kennt, fallen auf - und natürlich die unzähligen Urkunden über Patente und Geschmacksmuster an den Wänden. „Omas echt erzgebirgischer Winterduft" zum Beispiel - dessen Namen man sich schützen lassen kann, nicht aber den dazugehörigen Duft. Der Chef des ganzen Unternehmens hält sich nicht lange am Schreibtisch auf und steuert das Herzstück der Firma an - das Labor. Dort werden die hauseigenen Duftkompositionen in großen Mengen abgemischt und entweder selbst abgefüllt oder, wie bei den Aerosolsprays, von einem Fremdunternehmen befüllt. Neben unzähligen kleinen Fläschchen und Pipetten gibt es große Kanister mit Beschriftungen wie „Leder herb", „Weihnacht" oder „Maklerduft".
Die Duftkompositionen, die der Firmengründer tagsüber an seinem Schreibtisch oder auch mal nachts im Schlafanzug im Labor aus den gelieferten ätherischen Ölen in kleinen Dimensionen gemischt hat, müssen nun auf verwendbare Mengen abgefüllt und mittels Trägerstoffen verdünnt werden."Wir arbeiten hier mit einer Diamanten- bzw. Karatwaage, denn ein Tröpfchen zu viel oder zu wenig von einem Duftöl erzeugt gleich ein völlig anderes Gesamtergebnis." Aus den zunächst verarbeiteten Millilitern wird die Dichte und aus den Grammzahlen schließlich die endgültige Rezeptur ermittelt. Das Ganze landet dann in großen Kanistern und am Ende in den Sprühflaschen für Autopflege, in Dufttinte oder dem Eau de Toilette„Robert Schumann". Sogar einen nach Rosen duftenden Liebesbrief kann man mit der Tinte aus dem Reißmannschen Labor schreiben oder einen, der nach dem Öffnen wie der wilde Westen riecht, nämlich nach Pferden. Für die Fans des Motorsports wäre die Tinte mit Motoröl-Duft genau das richtige. Ein großer Teil der Flüssigkeiten landet jedoch in den Aerosolflaschen. Die füllen die Regale eines kleinen Lagerraumes bis unter die Decke, bevor sie nebenan in der Packstation zum Versand kommen. 80 Prozent der Lieferungen gehen ins Ausland. Auf den Adressetiketten der Pakete sind Estland, Hongkong und die Ukraine als Bestimmungsland zu erkennen. Da die Nachfrage vor allem im Ostblock so groß ist, sind viele der Flaschen auch in russischer Schrift bedruckt. Und die Ukraine hat sogar schon ihren eigenen Duft von den Zwickauern bekommen: Dill ist der typische Geruch für den ehemaligen Sowjetstaat, wo viele Gerichte mit dem aromatischen Kraut zubereitet werden und einmal im Jahr, ähnlich dem deutschen Oktoberfest, ein großes Dillfest gefeiert wird. Und tatsächlich, der Herr der Düfte drückt ein paar Mal auf den Sprühkopf und man bekommt augenblicklich Lust auf einen frischen Gurkensalat. „Nur aus natürlichen Ingredienzen erzeugen wir diesen Duft. Dillsamen werden gemahlen, kalt gepresst und das ätherische Öl in Bioalkohol
oder Ethanol gelöst." Umso erstaunlicher, dass Reißmann erzählt: „In Deutschland sind die Leute unseren Raumdüften gegenüber viel skeptischer eingestellt als in anderen Ländern. Sogar der Bund der Allergiker und Asthmatiker hat sich schon ganz vehement gegen Raumdüfte ausgesprochen." Reißmann und viele seiner Kunden jedoch wissen um die effektvolle Wirkung einer Raumbeduftung: Küchenstudios verwenden seine Produkte, um kleine Duftinseln entstehen zu lassen. Denn wenn es in einer modernen Küche, dekoriert mit Pizzaschachteln, nach Kräutern der Provence riecht, spricht das gleich viel mehr Sinne an. Und so kann man auf den Etiketten der Flaschen nicht nur die „Kräuter der Provence" entdecken, sondern auch „Patience" (Geduld), ein Duft aus Apfel, Vanille, Lavendel, der beruhigt und gern in Wartezimmern beim Arzt eingesetzt wird. „Kaffee und Kuchen" oder „Schokolade" wird da verwendet, wo das Produkt an sich nicht stark genug riecht - denn Kaffee verströmt sein Aroma schließlich auch nur, wenn er frisch aufgebrüht wurde. "Fresh Office" sorgt dagegen für gute Luft in Büro- und Seminarräumen und soll die Arbeitsatmosphäre optimieren, denn
laut Geschäftsführer Reißmann „hält frische und gute Raumluft länger aufmerksam und beeinflusst Motivation und Kreativität der Mitarbeiter." Nur wer kauft den Raumduft „Chicken Soup"? „Die Asiaten sind ganz verrückt danach und beduften ihre Restaurants und Garküchen damit." Nach und nach trudeln immer mehr Mitar- beiter in den Räumen des Unternehmens ein, das heute zwölf Angestellte zählt. „Wir haben hier Gleitzeit. Da wir viele Mütter mit kleinen Kindern beschäftigen und ich selbst Vater bin, weiß ich, wie schnell da morgens etwas dazwischen kommen kann." Für diese tolerante Einstellung wurde das Unternehmen in der Wirtschaftsregion Chemnitz-Zwickau dann auch im vergangenen Jahr als „Familien- freundlicher Betrieb" ausgezeichnet. Angefangen aber hat der gelernte Buchdrukker vor zehn Jahren als Einzelkämpfer. Entstanden war die Idee, mit Düften zu arbeiten, im Urlaub: beim Lesen des Romans „Das Parfum". Also studierte der heutige Inhaber und Geschäftsführer Fachzeitschriften und eignete sich ein profundes Wissen über die Wirkungsweise von Düften auf den Menschen an. Bald nahm er Kontakt zu verschiedenen Duftherstellern auf, und Reißmann durfte dem einen oder anderen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Nur dass er in seinem Alter noch mal zu den Chemielehrbüchern greifen musste, das war ein hartes Stück Arbeit, meint der passionierte Duftmischer. Und während er erzählt, fällt eine große Leuchttafel auf, die transportbereit auf dem Boden steht. Auf einer Messe soll sie für ange- nehmen Lavendelduft sorgen. Der wird zeitgesteuert über eine Saugvorrichtung auf eine spiralförmige Vertiefung gepumpt, von dort bei 50 Grad verdampft und mit einem Gebläse gleichmäßig im Raum verteilt. „So langsam begreifen auch hier immer mehr Menschen, wie effektvoll man mit Düften die Sinne anregen kann. Für fast jeden von uns ist zum Beispiel die Kindheit mit ganz bestimmten Düften verbunden, die sofort Emotionen in uns hervorrufen. Für mich gehören Düfte zum Leben dazu und nicht mehr riechen zu können, wäre für mich schrecklich." Und wer weiß, in welcher Bäckerei, in welchem Cafe, Büro oder Museum sie einem schon begegnet sind, die Düfte der REIMA Air Concept -wahrscheinlich haben wir es gar nicht bemerkt, denn Herr Reißmann hat bei Düften ein verdammt gutes Näschen. JUTTA MÜLLER


 
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